Michael Gaismair (1490-1532)
Visionär, Sozialreformer und Bauernführer

Michael Gaismair wurde 1490 in Südtirol als Sohn einer wohlhabenden Bauern- und Bergbaufamilie geboren. Nach dem Besuch einer Lateinschule in Sterzing und der Domschule in Brixen, wo er mit kirchenkritischen Ideen in Kontakt kam, nahm er die Stelle eines Grubenschreibers an. Als Wortführer der Schwazer Berg-knappen verfasste er eine Bittschrift an den Kaiser gegen Großunternehmer im Bergbau. Als Schreiber unter dem Tiroler Landeshauptmann Leonhard Völs wurde er Hauptmann und anschließend Sekretär des Brixner Fürstbischofs Sebastian Sprenz. Im Mai 1525 übernahm er die Führung der aufständischen Tiroler Bauern. Nach dem Scheitern des Aufstandes im September 1525 floh er nach Graubünden. Im Spätherbst 1525 weilte er in Zürich bei Zwingli, dem er eng verbunden blieb.
Gaismair verfasste Anfang 1526 seine richtungsweisende Tiroler Landesordnung, in der er eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung mit tiefgreifenden politischen und sozialen Reformen plante (unter anderem allgemeine Rechtsgleichheit, Beseitigung des Adels und der geistlichen Herrschaftsrechte, staatliche Kontrolle der Bergwerke und eine umfassende Armenfürsorge) und die Umwandlung Tirols in eine Republik vorsah.

Die Orientierung an der Heiligen Schrift und an der göttlichen Gerechtigkeit ist insbesondere in den ersten vier Artikeln deutlich erkennbar. Im gesamten Entwurf zeigt sich eine starke Verbundenheit mit den Unterdrückten; die Forderung nach Gleichheit zieht sich als zentrales Prinzip durch alle Bestimmungen. Die Leibeigenschaft sollte vollständig abgeschafft werden – eine Errungenschaft, die in Tirol (im Gegensatz zu den anderen österreichischen Ländern) überwiegend erhalten blieb. Selbstbewusst spricht Gaismair im 7. Artikel seiner Landesordnung davon, dass in „Gaismairs Land“ das Wort Gottes überall ehrlich verkündet werden solle, während alle Sophisterei und (lateinische) Juristerei abgeschafft und entsprechende Bücher sogar verbrannt werden sollten.

Die Tiroler Landesordnung lässt wesentliche Prinzipien moderner Verfassungen erkennen, die Beachtung von Grund- und Menschen-rechten ist ersichtlich. Neben Grundsätzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit sind sozialstaatliche Prinzipien in einem starken Ausmaß enthalten. Auch wenn die Umsetzung seiner Thesen weitgehend gescheitert ist, kann Michael Gaismair als sozial-revolutionärer Visionär gelten, dessen Forderungen ihrer Zeit teils weit voraus waren.

Nach Einschätzung des österreichischen Juristen und Politikwissenschaftlers Erwin Schranz hätte es Michael Gaismair verdient, „als höchst markanter Tiroler ‚Kopf’ in die europäische Ideen- und Sozialgeschichte einzugehen, der […] eine in vielerlei Hinsicht grenzüberschreitende europäische Dimension einführte und damals noch unzeitgemäße demokratische Spielregeln entwarf, die dann mit der demokratischen amerikanischen Verfassung vom Jahre 1776 und der Französischen Revolution von 1789 unter dem Schlagwort „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ Furore machten und die heute teilweise als selbstverständlich gelten, teilweise aber weltweit noch ihrer Umsetzung harren.“

Am 16. Februar 1526 wurde im Auftrag Erzherzogs Ferdinand I. vom Innsbrucker Hofrat ein Kopfgeld auf Gaismair ausgesetzt und Pläne zu seiner Festnahme entwickelt. Gaismair hielt sich von da an eine Leibwache und betrieb die Aufstellung eines Söldnerheeres. Ende Mai 1526 schloss er sich mit seinen Truppen dem etwa 4.000 Mann starken Bauernheer an, das Radstadt belagerte. Nach dem gewaltsamen Tod des bisherigen Bauernführers und Schwagers Gaismairs Christoph Ganner, der sich in Salzburg Setzenwein nannte, übernahm er selbst den Oberbefehl über die Aufständischen. Als am 2. Juli 1526 ein großes Söldnerheer des Schwäbischen Bundes näher rückte, brach Gaismair die Belagerung von Radstadt ab und zog sich über das Seidlwinkeltal und das Hochtor nach Lienz und weiter ins Pustertal zurück. Dort entschied er sich, auf das Gebiet der Republik Venedig zu fliehen, wo er und seine Leute politisches Asyl erhielten.

Gaismair wurde in venezianische Dienste aufgenommen, wo er es abermals zum Hauptmann brachte. Im April 1532 fiel er Mördern zum Opfer. Das von der österreichischen Regierung auf ihn ausgesetzte Kopfgeld wurde diesen jedoch aus fadenscheinigen Gründen vorenthalten.

Text: Waltraud Moser-Schmidl / Rainer Hochhold

Literatur:

Parschal, Norbert und Gasser, Johann: Michael Gaismair. Eine illustrierte Geschichte. Brixen 2012.

Rebitsch, Robert: Rebellion 1525. Michael Gaismair und der Aufstand der Tiroler Bauern”. Innsbruck 2024.

Schranz, Erwin: (2012): Michael Gaismair und die Tiroler Landesordnung von 1526 – ein frühes Beispiel für einen demokratischen Verfassungsentwurf. In:  Jahresberichte für deutsche Geschichte, 2012 [Digitalisat].

Vasella, Oskar (1964): “Gaismair, Michael” in: Neue Deutsche Biographie 6, 1964 [Digitalisat].