Elisabeth (Liesl) Geisler-Scharfetter (1905–1985)
Helferin in der Not

Hunderttausende Jüdinnen und Juden in Ost- und Südosteuropa waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht. Ihr Ziel war es, nach Palästina zu gelangen. Die britische Mandatsmacht veranlasste Ende 1946 ihre Verbündeten Frankreich und Italien, keine Juden mehr durchzulassen. Als die Landesgrenze zwischen Tirol und Salzburg weitgehend abgeriegelt wurde, versuchten Flüchtlinge aus den Lagern der Stadt Salzburg und Saalfelden durch die Überquerung der Alpen über den Krimmler Tauern nach Italien zu gelangen. In dieser schweren Zeit galt Liesl Geisler als lokale „Mutter Teresa der Nachkriegszeit“ (Thaler, 181).

Elisabeth Geisler-Scharfetter wurde am 24. November 1905 in Krimml als Sandbichltochter (Unterwurzacher) geboren. 1932 heiratete sie den Krimmler Tauernhauswirt Friedrich Geisler. In den Jahren 1933 und 1934 kamen ihre beiden Söhne Franz und Adolf zu Welt. Gemeinsam errichteten sie die Tauernhauskapelle. Im Jahr 1939 verunglückte ihr Mann tödlich bei einem Arbeitsunfall, die Witwe musste das Tauernhaus während der Kriegszeit allein weiterführen. 1946 heiratete sie ihren zweiten Mann, den Bergführer und Skilehrer Rupert Scharfetter.

1947 begannen jüdische Organisationen Flüchtlingsgruppen in Konvois über die Gemeinde Krimml durch das Achental zum Krimmler Tauernhaus zu bringen. Über den Sommer erreichten auf diese Weise tausende Juden Italien. Liesl Geisler-Scharfetter hielt dazu fest: „Dann kam 1947. Die Judenwanderung über den Tauern. Täglich oft 200 bis 300 kamen, haben halt wieder in der Waschküche gekocht und aufgewärmt. Es waren arme Menschen dabei, sie hatten nicht einmal einen Rucksack, da waren kleine Kinder, die hatten sie in einer Schachtel am Rücken, das Haus war oft voll. In der Nacht habe ich noch Mehlpapperl für die armen Kinder gekocht, in der Nacht kamen auch Gruppen” (zit. nach Thaler, 184).

Viktor Knopf, der tausende Menschen bei ihrer Flucht über den Tauern begleitete, erinnerte sich: „Die Wirtsleute dort waren sehr lieb und sehr nett zu uns. Wir haben Lebensmittel mitgebracht. Liesl Geisler, die Wirtin […], war eigentlich die Mutter, wenn Kinder – keine Säuglinge, aber kleine Kinder – dabei waren. Sie stand in der Küche, kochte „Papperl“, machte Tee und Eintopf für die Leute, damit sie etwas Warmes zum Essen hatten. Da im Haus selbst zu wenig Platz für alle war, ließen sich die einen auf der Veranda nieder, die besonders Strapazierten ruhten im Matratzenlager“ (zit. nach Albrich, 196).

Im Mai 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Viele der noch in Österreich verbliebenen jüdischen Flüchtlinge konnten nun legal nach Israel reisen und mussten ihren Weg somit nicht mehr länger über beschwerliche Fluchtrouten antreten.

Liesl Geisler-Scharfetter bewirtschafte bis 1961 das Tauernhaus zusammen mit ihrem Mann. Sie starb achtzigjährig im Jahr 1985.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Liesl Geisler während des Zweiten Weltkrieges Mitglied der NSDAP war. Marko Feingold, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, setzte sich dennoch dafür ein, einen geplanten Salzburger Menschenrechtspreis nach Liesl Geisler zu benennen. Das Vorhaben scheiterte jedoch am Widerstand der ÖVP. Auch ein 2007 vom Land Salzburg angekündigter, nach Geisler benannter „Preis der Menschlichkeit“, wurde nicht umgesetzt. Als Begründung wurde unter anderem ihre Mitgliedschaft in der NSDAP angeführt. Für Marko Feingold überwog hingegen Geislers Rolle bei der Fluchthilfe. In einem Standard-Interview im Jahr 2011 betonte er, dass ohne Geisler “5000 Juden weniger nach Israel gekommen” wären. Das wiege die Parteimitgliedschaft bei weitem auf.

2009 wurde Liesl Geisler-Scharfetter posthum mit der Ehrenurkunde der Jewish Agency for Israel ausgezeichnet.

Text: Angelika Gautsch

Literatur:

Albrich, Thomas (Hg.): Flucht nach Eretz Israel. Die Bricha und der jüdische Exodus aus Osteuropa nach Palästina. Österreich-Israel-Studien (Band 1). Innsbruck-Wien 1998, 196.

Thaler, Walter: Pinzgauer! Helden – Narren – Pioniere. Portraits aus der Provinz. Wien 2017, 181-184.

Neuhold, Thomas: Friedensmarsch in Krimml erinnert an den jüdischen Exodus. In: Der Standard, 30.06.2011. Online unter: https://www.derstandard.at/story/1308680105268/salzburg-friedensmarsch-in-krimml-erinnert-an-den-juedischen-exodus; [Letzter Aufruf: 04.05.2026]

Neuhold, Thomas: Marko Feingold – Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts. In: Der Standard, 26.05.2013. Online unter: https://www.derstandard.at/story/1369361699139/marko-feingold-zeitzeuge-eines-ganzen-jahrhunderts; [Letzter Aufruf: 04.05.2026]